Wir mussten leiser treten, Abstand nehmen, konnten unsere Familie und Freunde oft wochen- und monatelang nicht in unsere Arme schließen. An die Stelle unseres hektischen Alltags trat das Zuhause-bleiben, Sesshaft-sein und Abwarten. Anstatt in die Schule oder Arbeit zu gehen, starrten wir stundenlang auf unsere Computer-Bildschirme. Die Flugzeuge, mit denen wir in den vergangenen Jahren rastlos um die Welt gereist sind, blieben am Boden, die Autos in der Garage und unser Kopf blieb da, wo er schon lange nicht mehr war: beim Wesentlichen. Plötzlich hatten wir nur noch das, was essentiell ist: Ein Dach über dem Kopf, gutes Essen und im Idealfall unsere Familie oder Mitbewohner. Corona veränderte vieles.

Doch wie erging es Menschen, die sonst ständig unterwegs sind? Die als Sportler, Coaches, Abenteurer und Reisende um die Welt jetten, täglich Neues erleben: am Berg, auf der Piste, am Fels oder am Mountainbike-Trail? Wie gingen sie mit der Situation um, wo ihr natürlicher Lebensraum doch überall sonst ist als in den eigenen vier Wänden? Genau das wollte Bergluft wissen und hat 10 Outdoor-Menschen gefragt, wie sie die Zeit der Ausgangsbeschränkungen verbracht haben und welche positiven Auswirkungen die Krise mit sich brachte.

  1. Maurijn Hoens, Ski- und Kitesurf-Lehrer aus Deurne, Niederlande

“Eigentlich wäre ich diesen Sommer in Spanien oder Mauritius gewesen, doch jetzt sitze ich in meinem Zimmer im Haus meiner Eltern in den Niederlanden und ich realisiere gerade, wie sehr ich diesen Ort liebe. Die Niederlande, mein Zuhause, meine Familie. Im Winter arbeite ich als Skilehrer und ich bin schon gespannt, wie der nächste Winter verlaufen und wie die Ausbildung zum Staatlichen Skilehrer aussehen wird, die für mich ansteht. Trotzdem versuche ich mich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Meine Freundin und ich wollten diesen Sommer auch nach Portugal. Ich hätte Kitesurf-Unterricht und sie Yoga-Stunden am Strand gegeben. Jetzt steht alles still in dieser geschäftigen Welt, in der wir leben. Vielleicht ist es sogar mal gut, dass wir leiser treten und realisieren, wo wir stehen und wer die Menschen sind, mit denen wir die Quarantäne verbringen wollen. Jetzt können wir die kleinen Dinge im Leben genießen: den Spaziergang an der frischen Luft oder Zeit mit Freunden, die wir lange nicht sehen konnten. Uns kann endlich bewusst werden, wie viel all das Wert ist. Die Corona-Zeit hat mich gelehrt, nachzudenken und mich zu erholen.”

Maurijn Hoens, Ski- und Kitesurf-Lehrer aus Deurne, Niederlande


  1. Jana Gigele, Outdoor-Sportlerin und Sportmodel aus Fliess, Österreich

“Für mich waren es die wertvollen und innigen Momente mit meiner Familie, die aufgrund unserer Berufe leider oft nicht möglich sind, die ich an dieser Zeit sehr genossen habe. Die Wertschätzung über die Menschen in unserem Leben, den Besitz und den wundervollen Ort, an dem wir leben dürfen, machte mich zu einem noch zufriedeneren Menschen. Außerdem entdeckte ich neben meinen sportlichen Aktivitäten auch ganz neue Hobbies für mich. Man konnte sich einfach für alles Zeit nehmen und alles ohne Stress bewältigen. Hinsichtlich der mentalen Ebene war es für mich absolut angenehm und ich konnte daraus extrem viel Kraft schöpfen.”

Jana Gigele, Outdoor-Sportlerin und Sportmodel aus Fliess, Österreich
  1. Brandon Lancaster, Skilehrer aus Melbourne, Australien

“Mich verbindet mit Corona eine Hass-Liebe. Ich hasse es, dass alles in der virtuellen Welt ablief, dass ich in meinem Arbeitsalltag ständig auf den Bildschirm starren musste und meine Freunde nur per Videokonferenz sehen konnte. Aber zugleich liebe ich es, dass ich mich von dem hektischen Treiben unseres Alltags distanzieren konnte. Ich hatte Zeit, über die großen Entscheidungen im Leben nachzudenken, hatte Zeit, meine eigenen Leckereien zu backen und hatte endlich die Motivation dafür, ein Buch in die Hand zu nehmen und zu lesen – das erste Mal seit fünf Jahren. Im Großen und Ganzen konnte ich die vergangenen Monate wirklich genießen. Die Zeit hat mir gelehrt, selbstständiger zu sein und die Menschen, die mir nahe stehen, wertzuschätzen.”

Brandon Lancaster, Skilehrer aus Melbourne, Australien


  1. Stephanie Riedlsperger, Skilehrerin aus Leogang, Österreich

“Die Corona Krise ist und war weltweit eine große Herausforderung für alle Menschen. Ich muss jedoch sagen: Durch meinen wunderschönen Wohnsitz in Leogang in Österreich war es für mich nicht sehr schwer zurück zu stecken. Durch die Quarantänezeit hatte ich viel mehr Zeit für meine Familie. Wir haben gemeinsame Wanderungen in den Bergen unternommen, wir haben miteinander gespielt (Brettspiele, Kartenspiele etc.), wir haben zusammen gekocht und vieles mehr. Nach einer stressigen Wintersaison war es gar nicht mal so schlecht ein bisschen runterzukommen. In der Quarantänezeit habe ich zum Beispiel auch angefangen zu lesen (habe ich früher gehasst). Durch diese Krise wurde mir nochmals bewusst, was für ein Glück ich habe, hier auf dem Land wohnen zu dürfen. Die wunderschöne Natur, die frische Bergluft, die Stille, einen großen Garten zu haben. ‚Eingesperrt’ zu sein, aber in den Garten gehen zu können und von allen Seiten mit Bergen umgeben zu sein – da darf man sich nicht beklagen.”

Stephanie Riedlsperger, Skilehrerin aus Leogang, Österreich


  1. Lukas Sendlhofer, Skifahrer und Abenteurer vom Achensee, Österreich

“Für mich war die Coronazeit eine extreme Entschleunigung und ein Wiederfinden jener einfachen Facetten des Lebens, die im exzessiven Alltagstrott des 21. Jahrhundert viel zu sehr vergessen werden. Anfangs habe ich nach mehrmonatiger Netflix-Abwesenheit wieder so richtig “gebinged”, das fehlende schlechte Gewissen für einfältige Faulheit war der Rattenschwanz, den Corona mit sich zog, jedoch fing ich schon nach ein paar Tagen an dies, und generell alles, in Frage zu stellen. Die folgenden Wochen waren gefüllt mit Dingen und Aktivitäten, welche ich mir schon des längerem vorgenommen hatte. Ich fing an, zu meditieren und mir generell wieder eine bewusstere Lebensweise anzueignen, las so viele Bücher wie schon lange nicht mehr. “Thinking, Fast and Slow” von Daniel Kahnemann war ein wirklicher “game-changer”. Auch gesündere Ernährung war eine der positiven Auswirkungen des Lockdowns, zudem haben sich meine Liebe zur Bewegung noch einmal intensiviert und ich habe die Schönheit unserer heimischen Natur noch mehr zu schätzen gelernt. Ich merke schon wie das Wiederhochfahren des Alltags diese Dinge wieder ein wenig retardiert, jedoch versuche ich gewissenhaft an ihnen festzuhalten. Corona war in vielen Bereichen eine Offenbarung, und ich bin wirklich dankbar diese Zeit für mich persönlich positiv genützt zu haben.”

Lukas Sendlhofer, Skifahrer und Abenteurer vom Achensee, Österreich


  1. Morag Eagleson, Outdoor-Coach aus Glen Roy, Schottland

“Schottlands Ausgangsbeschränkungen haben zehn Wochen angehalten. In der ersten Zeit mussten wir unser Abenteuer-Leben ganz schön zurückschrauben und zur Ruhe kommen. Normalerweise verbringe ich den Frühling mit Kletter-Ausflügen, arbeite als Outdoor-Coach und verbringe nur wenig Zeit in unserem Haus in den schottischen Highlands. Jetzt blieb meinem Freund, meinem Hund Aila, den wir auch ‘Fluffy Sausage’ nennen, und mir nichts anders übrig, als die Landschaft direkt vor unserer Haustür zu erkunden. Wir haben versucht jeden Tag ein Mini-Abenteuer zu erleben. Wir erkundeten die Berge, Hügel, Flüsse und Wälder in unserer Gegend. Ich war unheimlich dankbar, dass ich all das direkt vor meiner Haustüre hatte und habe mit jenen Menschen mitgefühlt, die die Ausgangsbeschränkungen in der Stadt verbringen mussten. Wie viele andere Menschen haben wir versucht alle möglichen Arbeiten im Haus zu verrichten. Ich habe im Garten gearbeitet, Gemüse angepflanzt und viel Kunst gemacht. So konnte ich unser Haus mit dem ein oder anderen neuen Werk schmücken und auch ein wenig Geld verdienen. Ich habe gelernt, das zu schätzen, was ich habe und nicht dem nachzutrauern, was mir genommen wurde.”

Morag Eagleson, Outdoor-Coach aus Glen Roy, Schottland


  1. Alena Paschke, Skifahrerin und Outdoor-Fotografin aus Kiefersfelden, Deutschland

“Durch die Corona Krise wohnte mein Freund bei mir und wir konnten „gezwungenermaßen“ viel mehr Zeit miteinander verbringen als ursprünglich geplant, da wir beide arbeitslos waren. Ich konnte während dieser Zeit auch meine Universitätsveranstaltungen von zu Hause aus regeln, was für mich als Pendler einen enormen Vorteil erbrachte. Die meiste Zeit verbrachte ich mit meinem Hund und er genoss es sichtlich dass wir den ganzen Tag um ihn herum getanzt sind. In der Corona-Zeit habe ich mich vermehrt mit dem Thema Videodreh auseinander gesetzt und in dieser Hinsicht viel dazugelernt, ich habe viel gekocht und neue Rezepte ausprobiert. Da die Grenze zu Österreich geschlossen war, ging ich zum ersten Mal in meiner Heimat in die Berge und muss gestehen, dass es auch bei mir daheim wahnsinnig schön ist und ich in den letzten Jahren einiges verpasst habe. Ich konnte meine Wohnung endlich fertig gestalten und sie ist genauso gemütlich geworden, wie ich mir das immer vorgestellt habe. Außerdem konnte ich mich endlich dazu aufraffen, den Handstand zu trainieren und es sind schon langsam kleine Fortschritte sichtbar. Langfristig gesehen habe ich auch viel geschlafen, was mir extrem gut tat und mich zur Ruhe kommen ließ. Zusammenfassend kann man sagen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, für sich selbst herauszufinden, wer man ist und ob man mit sich selbst gut klarkommt, ohne von andauernden Reizen abgelenkt zu werden.”

Alena Paschke, Skifahrerin und Outdoor-Fotografin aus Kiefersfelden, Deutschland


  1. Joon Kim, Skilehrer aus Seoul, Korea

“Ich habe in der vergangenen Saison wie schon in den letzten Jahren in Kirchberg in Tirol als Skilehrer gearbeitet und bin gerade noch rechtzeitig aus dem Land gekommen, bevor die Grenzen dicht gemacht wurden. Glücklicherweise bin ich sicher zurück in mein Heimatland Korea gekommen. Dort musste ich für drei Wochen in strikte Selbst-Quarantäne, inklusive zweier Corona-Tests. Jetzt bin ich endlich wieder frei. Im Sommer arbeite ich für gewöhnlich als Skilehrer im australischen Skigebiet Mt. Buller, doch der Chef der dortigen Skischule hat die Verträge aller auswärtigen Skilehrer wegen der Reisebeschränkungen zurückgezogen. Das bedeutet, dass ich aktuell arbeitslos bin. Aber ich versuche mich bei all dem Negativen auf das Gute zu konzentrieren. Eine große Veränderung für mich: Ich werde endlich wieder einen normalen Sommer haben. Viele Jahre lang bin ich vom Winter in der nördlichen Hemisphäre zum Winter in der südlichen Hemisphäre gereist – jetzt kann ich endlich wieder einen ordentlichen Sommer genießen. Ich habe mir vor ein paar Wochen ein neues Rennrad gekauft und habe angefangen, viel Rad zu fahren. Ich habe mir vorgenommen, Korea zu “umradeln”. Das Land ist nicht groß und die Radwege sind gut ausgebaut, deswegen hoffe ich, dass das kein Problem sein wird.”

Joon Kim, Skilehrer aus Seoul, Korea


  1. Sarah Gamsjäger, Skifahrerin und Mountainbikerin aus dem Salzkammergut, Österreich (lebt aktuell in England)

“Ich hatte sozusagen Glück im Unglück. Kurz bevor uns die Corona-Krise in Europa am härtesten getroffen hat, habe ich mir eine Schulterverletzung mit 12-wöchiger Rehabilitationszeit zugezogen. Da all meine geplanten Mountainbike-Rennen abgesagt wurden, habe ich keine Events versäumt und konnte mich auf meine Reha konzentrieren. Dadurch hatte ich viel mehr Zeit um einen Gemüsegarten anzulegen, die lokalen Wanderwege zu erkunden und mit meinem britischen Freund Deutsch zu üben. Ich liebe das Reisen und die damit verbundenen Abenteuer und habe auch viel Zeit in das Planen meiner heurigen Rennsaison gesteckt. Trotzdem bin ich froh, dass ich kaum Zeit im Auto (oder Flugzeug) verbracht habe und dazu beitragen konnte, unserer Umwelt eine Pause zu gönnen.”

Sarah Gamsjäger, Skifahrerin und Mountainbikerin aus dem Salzkammergut, Österreich


  1. Timo Schmidt, Ski-Trainer aus Waldkirch, Deutschland

“Meine Skier mussten diesen Winter leider viel zu früh in den Sommerschlaf. Aber dafür konnte ich mehr Zeit auf dem Rennrad verbringen – alleine oder mit maximal einem Trainingspartner. Leider fand ich daran so großen Gefallen, dass schnell ein besseres Rad her musste. Doch hey, wenn alle jammern, dann muss man doch etwas für die Konjunktur tun. Angetrieben von einer guten Freundin nutze ich die Corona-Zeit auch zur Entschleunigung am Fels. Mit meiner neuen Kletter-Partnerin konnte ich eine neue Sicherheit am Fels aufbauen, die ich vor ein paar Jahren bei einem Sturz verloren habe.”

Timo Schmidt, Ski-Trainer aus Waldkirch, Deutschland