Können wir es vertreten, auf mit Strom betriebenen Skiliften zu sitzen, auf Kunstschnee zu fahren und Schwünge über Pisten zu ziehen, die jede Nacht mit großen, schweren, abgasausstoßenden Geräten präpariert werden? Dürfen wir vor der Ski-Hütte genüsslich an unserem Radler sippen und uns die Sonne ins Gesicht strahlen lassen, während sich Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt versammeln und an Erwachsene appellieren, endlich Verantwortung zu übernehmen und die brisante Lage, in der sich die Umwelt durch den Klimawandel befindet, anzuerkennen?

“Bergluft” steht für nachhaltiges Skifahren

Skifahren steht milde ausgedrückt, stark in der Kritik. Als Luxussport und Hobby der Reichen abgestempelt, häufen sich die Gegner des Skifahrens. Selbst in Österreich, einem Land, dessen größter Wirtschaftsfaktor der Tourismus ist, in dem die Portemonnaies der Einheimischen durch das Geld der Urlauber gefüllt werden, scheinen Wintersport-kritische Zeitungskommentare zuzunehmen. Längst haben vereinzelte Politiker bewusst ein Zeichen gegen den österreichischen Nationalsport gesetzt. Müssen sich Menschen, die umweltbewusst leben und ihren ökologischen Fußabdruck möglichst klein halten wollten, also auf das Skifahren verzichten?


Fridays for Future gegen Skiurlaube

Vertreter von Fridays for Future zufolge lautet die Antwort: “Ja!”. Leonie Bremer zum Beispiel, die Bundespressesprecherin der Klimaschutz-Bewegung in Deutschland war bis vor drei Jahren selbst begeisterte Snowboarderin. Heute verzichtet sie auf Wintersport-Ausflüge nach Österreich: “Ich habe das super gerne gemacht”, sagte die Studentin vor wenigen Monaten im Interview mit der deutschen Zeitung FAZ, “aber ich habe aus Klimaschutzgründen damit aufgehört”.

“Die Abholzung für die Pisten, der Kunstschnee, der täglich mit viel Energie produziert wird, der dramatische Eingriff in die Natur, die Zerstörung des Berges – das kann alles niemals klimaneutral werden”, sagte Bremer damals. Ihr Gewissen sei nicht im Reinen, würde sie weiterhin in den Winterurlaub fahren.

Stimmen wie diese hören in großen Skigebieten wenig Gehör. Immerhin hängen von ihrem Geschäft unzählige Arbeitsstellen ab, sie kurbeln einen Großteil der österreichischen Wirtschaft an. 48,2 Millionen Wintersportler zieht es alljährlich in den Alpenraum. Wie die Sporthochschule Köln herausgefunden hat, kommen sie auf insgesamt 158 Millionen Skitage und verteilen sich auf 1300 Skigebiete, wie der Schweizer Analyst Laurent Vanat herausgefunden haben will. Rund zehntausend Lifte und fünfzigtausend Schneekanonen sind im Einsatz, um den Betrieb für die Wintersportbegeisterten zu sichern.

Nachfrage nimmt zu – Anstiege bei Nächtigungen

Die Umsätze in der österreichischen Tourismusbranche stiegen in den vergangenen Jahren stetig an. Speziell die Nachfrage aus dem Ausland nahm in der Wintersaison 2018/19 zu, wie es vonseiten der Österreich Werbung heißt. 72,9 Millionen Nächtigende konnte Österreich in der Skisaison verbuchen – ein Anstieg von 1,4 Prozent.

Würde der Wintersport-Tourismus in Österreich einbrechen, hätte das drastische Folgen für die heimische Wirtschaft. Klima-Aktivisten in Österreich sind sich dessen bewusst, sie kennen die Zahlen rund um den österreichischen Tourismus und äußern die Abrechnung mit dem Skisport weniger absolut und kompromisslos. So auch der 19-jährige Felix Webhofer, der sich für Fridays for Future in Innsbruck engagiert, selbst begeisterter Skifahrer ist und zur FAZ sagte: “Die meisten Menschen leben hier vom Wintersport”. Er übte jedoch Kritik an der Art und Weise, wie Menschen dem Wintersport nachgehen: “Muss ich von München aus zum Beispiel im Auto bis nach St. Anton fahren? Und muss man in Kitzbühel den Schnee per Helikopter anliefern?”.


Aktivisten und Bergbahnen sollten zusammenarbeiten

Das sind Fragen, die sich in Zukunft nicht nur Aktivisten stellen sollten. Dass Wintersport auch in den kommenden Jahrzehnten aus Österreich nicht wegzudenken ist, liegt auf der Hand. Vielmehr sollten Aktivisten und Bergbahnen gleichermaßen an Lösungsansätzen arbeiten, die den Wintersport umweltverträglicher machen. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir in Zukunft Skifahren können, sondern wie. Wie wir das ganze umweltbewusster gestalten. Vor allem die Anfahrt zu Skigebiet müssen wir überdenken. Dass Familien sich derzeit noch für die individuelle Anreise mit dem eigenen Auto entscheiden, ist dem verschuldet, dass öffentliche Verkehrsmittel noch immer teuer und umständlich sind.

Im Nahverkehr, um in der Stadt von A nach B zu kommen, sind Öffis längst praktikabel. Dasselbe kann man nicht vom Zug- und Busfahrten in Skigebiete wie Ischgl sagen. Wenn sich Familien entscheiden müssen, mit Skisäcken, Koffern und Rucksacken sowie ihren kleinen Kindern im Schlepptau eine umständliche Reise mit Bahn und Bus auf sich zu nehmen, oder gemütlich mit dem Auto zu anzureisen, so darf man sich nicht wundern, wenn die Wahl auf erstere Option fällt.


WWF berechnet CO2-Ausstoß für Skiurlaub

Doch genau die Anfahrt zu den Skigebieten ist derzeit der springende Punkt, der ökologische Schandfleck des Skiurlaubs. WWF Deutschland hat unlängst den CO2-Verbrauch für einen klassischen Skiurlaub berechnet. In dem auserdachten Szenario fährt der Protagonist Ronny alleine mit dem Auto 700 Kilometer von Dresden nach Lech am Arlberg, um eine Woche Skiurlaub zu machen. Insgesamt verursacht Ronny dabei 422 kg CO2: 296 kg für An- und Abreise, 85 kg für das Hotel, 32 kg für die Verpflegung (Essen, Trinken, etc.) und 10 kg für die Aktivitäten vor Ort.

Noch nicht eingerechnet sind dabei die Energiekosten für das Skifahren selbst. Die Lifte und die Pistenpräparation (Beschneiungsanlagen) sind dabei die größten Energiefresser. Auch der Eingriff in die Natur, der Bau von Liften und Beschneiungsanlagen, für die Bäume gefällt und Speicherseen aus Beton angelegt werden müssen, sind ein weiterer Faktor, der berechnet werden müssten, um ein Gesamtbild zu bekommen.

Nichtsdestotrotz ist die Anreise für den größten Anteil des CO2-Ausstoßes verantwortlich und da der Trend in die Richtung geht, kürzer Skiurlaub zu machen, liegt hier das Hauptproblem.


Bergluft schenkt grünen Alternativen und Projekten Aufmerksamkeit

Außerdem gilt es, sich nach der Natur und dem Klima zu richten. Winter künstlich zu verlängern, schon im Oktober Ski zu fahren und bis ins Frühjahr noch Skibetrieb zu führen, wird in Zukunft kritischer beäugt werden. Die Anreise von Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder England sowie die Anfahrt vom Hotel zum Skigebiet müssen überdacht und der Einsatz von erneuerbaren Energien in Angriff genommen werden. Wenn Skigebiete die Umweltfrage ernst nehmen, Engagement zeigen und Zeichen setzen, ob mit kleinen Veränderungen oder großen, dann wird auch das Skifahren mit gutem oder zumindest besserem Gewissen vereinbar sein. Im November für einen Tag mit dem SUV von München nach Kitzbühel für nur wenige geöffnete Pisten zu fahren, wird dem Zukunftsgedanken und dem Kampf gegen den Klimawandel nicht gerecht werden – in Zukunft noch weniger.

Erste Schritte gehen Skigebiete und ganze Wintersportorte bereits – in der Schweiz gibt es etwa komplett autofreie Orte. Unzählige Skigebiete bauen ihr Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln aus, Hütten entscheiden sich für Öko-Produkte, sagen Plastik den Kampf an. Genau dieses Engagement soll bei Bergluft Gehör finden. Bergluft will Leistungen wie diesen, Aufmerksamkeit schenken. Ob im Online-Auftritt oder der Print-Ausgabe – regelmäßig werden wir den Fortschritt von Skigebieten dokumentieren und darüber berichten, was sich tut. Zusammen können wir unsere Leidenschaft und unseren Nationalsport umweltfreundlicher gestalten.