Der Berg ruft... aber bestimmt nicht nach uns Menschen. Die Sprache der Berge und Menschen ist zwar nicht kompatibel, aber um vage Vermutung zu äußern: Die Berge haben die Zeit ohne uns wahrscheinlich nicht vermisst. Keine Wanderer, die sie kurzerhand zu Müll-Deponien umfunktionierten, keine Schul-Gruppen, die die idyllische Ruhe mit lauter Musik durchbrachen, keine Bau-Unternehmen, die mit großen Baggern und tonnenschweren Maschinen ihre Felsen bearbeiteten. Für uns Menschen eine Ausnahmesituation, war Corona für die Natur und damit für die Alpen ein langersehnter Urlaub. Lange wird die Auszeit jedoch nicht mehr anhalten. Bald, wenn die Sicherheitsmaßnahmen weiter gelockert werden und die Grenzen öffnen, werden hunderttausende Flachländer in die Berge stürmen – vermutlich sogar zeitgleich. Wiener Junggesellen und Münchner BWL-Justusse können wieder oberkörperfrei vor türkisen Bergseen posieren (endlich wieder Content für das Tinder- und Instagram-Profil), Ausdauer-Sport-Verrückte werden bei ultralangen Bergläufen versuchen, ihr Quarantäne-Hüftgold abzutrainieren und alle Ski-Freaks, deren Saison ein so abruptes Ende nahm, werden ein allerletztes Mal zu ihrer Lieblingspiste wandern, die Augen schließen, von den Frühlingsschwüngen träumen, der man sie beraubt hat und in melancholisches Weinen ausbrechen. 

Doch bis der Homo Touristikus aus Nord-Germanien am Fuße der Alpen ankommt, bis Tiroler Familien die Wanderwege zurückerobern und hunderte Reisebusse Menschen aus aller Welt an den Parkplätzen diverser Bergdörfer absetzen, haben wir noch ein wenig Zeit. Zeit, um uns an die Regeln zu erinnern. Regeln, die dabei helfen sollen, den Umgang mit den Bergen aber auch das Verhalten gegenüber anderen Berg-Besuchern rücksichtsvoller zu gestalten. Zeit, um sicherzugehen, dass die Rückeroberung der Berge sanfter und respektvoller geschieht. Denn am Ende des Tages sind wir alle Besucher der Berge. Wir gehen unseren individuellen Interessen nach. Wollen steile Felswände beklettern, rasante Mountainbike-Trails erkunden oder einfach nur mit dem Grashalm im Mund am Ufer eines glasklaren Bergsees liegen, die Vögel zwitschern hören, abschalten. All das bieten und ermöglichen uns die Berge. Und genau deshalb sollten wir die zweite Chance nutzen, um unser Verhalten gegenüber der Natur zu ändern:



1. Respekt und Höflichkeit

Fangen wir ganz einfach an: Am Berg begegnen wir uns mit Respekt. Ab einer gewissen Anzahl an Höhenmetern über dem Meeresspiegel gibt es kein Siezen und keinen Unterschied zwischen Dein und Mein. Wenn wir einander am Berg über den Weg laufen, dann sollten wir uns grüßen. Dann sehen wir uns in die Augen, schenken uns ein Lächeln und wünschen uns einen schönen Tag – ob mit Worten oder der Gestik und Mimik. Im Tal gibt es genug Reibereien basierend auf politischen Meinungsverschiedenheiten, basierend auf Neid und unnötigen Diskussionen. Am Berg spielt das keine Rolle. Am Berg genießen du und ich den Sonnenuntergang, freuen du und ich uns über die Aussicht vom Gipfel, teilen du und ich uns denselben Wanderweg. 

2. Keinen Müll hinterlassen

Verrückt aber: Auch nach den Ausgangsbeschränkungen sind die Berge immer noch keine Müll-Deponie. Auch nach den Ausgangsbeschränkungen packen wir unsere Plastikflasche und die Riegelverpackung  in den Rucksack und entsorgen sie im Tal, auch nach den Ausgangsbeschränkungen hat Kunststoff nichts, aber schon gar nichts am Berg verloren. Was wir auf den Berg mitnehmen, bringen wir auch wieder mit ins Tal. Wir lassen nichts zurück!

3. Kippen gehören in den Taschen-Aschenbecher

Wer im 21. Jahrhundert noch raucht, ist selbst schuld. Der kann weiterhin seine eigene Lunge verpesten – nicht jedoch die Natur. Fakt ist: Zigarettenfilter zersetzen sich erst nach 10 bis 15 Jahren. Noch dazu enthaltet eine Kippe bis zu 4000 schädliche Stoffe, darunter Chemikalien und Schwermetalle. Wenn diese ins Grundwasser gelangen, können sie 40 bis 60 Liter davon verunreinigen. Obendrein verwechseln Tiere die Zigarettenstummel oft mit Nahrung. Wer sich also selbst auf einer Bergtour die ein oder andere Kippe nicht verkneifen kann, der sollte bei jedem Ausflug in die Natur einen “Taschen-Aschenbecher” dabei haben und die Zigarettenstummel am Ende des Tages im Tal entsorgen.

4. Lärm vermeiden, leise sein!

Wir gehen in die Berge, um Ruhe zu finden, um dem Alltagsstress zu entfliehen und um abzuschalten. Das geht deshalb so gut, weil es dort oben so verdammt still und friedlich ist. Für jeden Höhenmeter, den wir meistern, werden wir mit einer immer angenehmeren Ruhe belohnt. Wir können den Blick über die Landschaft schweifen lassen, dem Vogelgezwitscher lauschen, uns auf unsere Atmung konzentrieren....

Doch plötzlich droppt der Beat. Was in einer Disco für richtig gute Stimmung sorgen würde, ist am Berg alles andere als cool und völlig fehl am Platz. Der Ghettoblaster hat nichts am Berg verloren, dasselbe gilt für lautes Schreien und Megaphone. Selbst wer in einer großen Gruppe unterwegs ist, kann dafür sorgen, dass der Pegel nicht aus dem Ruder läuft. Wir dürfen nicht vergessen: Andere suchen am Berg vielleicht gerade Ruhe und auch die Tiere, die oft um einiges lärmempfindlicher sind, haben keinen Bock auf laute Musik – schon gar nicht auf Schlager. 


5. Der Berg ist kein Streichelzoo

Sich unüberlegt Tieren zu nähern ist nicht nur für Menschen gefährlich, sondern kann auch die Tiere stressen. Unglücke mit Kühen in der Vergangenheit haben bewiesen: Menschen sollten Distanz halten. So gut sie auch als Foto-Objekt dienen und so faszinierend es für Menschen aus der Ferne ist, Tiere am Berg zu sehen: der Respekt gegenüber Tieren hat Priorität. Darüber hinaus verbrauchen Wildtiere bei ihrer Flucht viel Energie, die sie im Anschluss mühsam wieder aufnehmen müssen. Bei Nahrungsknappheit, vor allem im Winter, ein lebensbedrohlicher Umstand.


6. Nachdenken, mitdenken, weiterdenken!

Die Berge sind kein Ponyhof und wer sich in ihnen bewegt, wird mit Gefahren wie Lawinen, Steinschlägen oder Unwetter konfrontiert. Beim Bergsport gehen wir an unsere Grenzen und darüber hinaus – egal ob beim Klettern oder Mountainbiken. Bergsport bedeutet, sich aus seiner Komfortzone herauszuwagen. Und ja, grundsätzlich ist jeder selbst für sein Wohlergehen verantwortlich. Nichtsdestotrotz sollten wir auch an andere denken. Wenn wir uns für die Kletterroute entscheiden, von der uns alle abraten, ist das unsere Sache. Kommt es zu einem Unfall, dann drehen sich die Dinge aber. Dann müssen sich plötzlich die Menschen, die uns vorher abgeraten haben, das Wagnis einzugehen, ihr Leben aufs Spiel setzen – um unser Leben zu retten. Dann müssen Rettungstrupps bei Wind und Wetter Suchaktionen starten. Bergsport ist Abenteuer – mögliche Konsequenzen sollten wir dabei aber immer im Kopf haben. 

7. Persönliches Können richtig einschätzen

Viel zu oft nehmen Tage am Berg ein unschönes Ende, weil Bergsportler ihr Können falsch einschätzen. Verletzungen passieren dann, wenn wir überfordert sind. Wir sollten deshalb Touren wählen, die wir meistern können, die uns weder in der Dauer noch im Schwierigkeitsgrad überfordern. Wir sollten uns vorbereiten, das Wetter im Vorfeld checken und uns sicher sein, dass wir die Tour problemlos meistern können. 

8. Die Interessen anderer respektieren

Die Berge sind groß und weit und für uns alle ist genug Platz. Trotzdem schaffen es manche Menschen, sich einander auf die Füße zu treten – wenn auch nur metaphorisch. Mountainbiker regen sich über Wanderer auf, Wanderer über Mountainbiker, der Förster über die Mountainbiker, der Wanderer über den Förster. Fakt ist: Solange wir uns auf den markierten Wegen befinden, auf andere achten und sie nicht gefährden, ist jeder happy. So schwierig ist das gar nicht. 


9. Andere aufmerksam machen

Die Hemmschwelle, andere auf ihre Fehler aufmerksam zu machen, ist oft groß. Man möchte immerhin nicht als Besserwisser rüberkommen. Doch ab einer gewissen Grenze muss man die eigene Scham in den Hintergrund stellen und andere auf ihr Fehlverhalten aufmerksam machen. Wer wirklich grobe Schnitzer von Mitmenschen beobachtet, die andere in Gefahr bringen oder der Umwelt schaden, der darf auch mal was sagen. Solange die Kritik höflich erfolgt, sollte das Ganze auch auf Verständnis stoßen. 


Abgesehen davon: Genießt die Berge, tobt euch aus, rennt euch die Lunge aus dem Leib, klettert auf die verrücktesten Gipfel und schmeißt euch mit dem Mountainbike die wildesten Trails hinunter – aber alles mit Rücksicht!