Kili Weibel ist Schweizer, Skilehrer, Skilehrer-Ausbilder, Mountainbike-Guide und Social-Media-Star. Letzteres gesteht sich der 34-Jährige trotz seiner enormen Reichweite nicht ein.
„Ich plane das alles eigentlich gar nicht“, sagt Weibel im Schweizer Dialekt. Das K wird zu Ch, an jedes Satzende rückt ein fragendes „Odr?“. „Ich mache alles spontan und irgendwie scheinen es die Leute gut zu finden“.

Trotz der nonchalanten Herangehensweise, die Weibel im Hinblick auf seine Social Media-Tätigkeit an den Tag legt, schneit es Likes für seine Beiträge. Rund 42.000 User folgen Weibels Instagram-Account. Viele seiner Videos gehen viral. Denn Weibel trifft den Nerv der Zeit. Mit seinen kurzen Clips bedient er die Sehnsucht und Melancholie all jener Skifahrer, deren Skisaison coronabedingt ins Wasser fiel. Deutschlands und Frankreichs Skigebiete waren den Großteil des Winters geschlossen und selbst im Ski-Mekka Österreich sind nur wenige Lifte in Betrieb. Verluste. Verluste. Verluste.
Und die Schweiz? Die fährt Ski. Die lässt durch inoffizielle Botschafter des helvetischen Skivergnügens, wie Kili Weibel, Hobby-Skifahrer neiderblasst gen Schweizer Alpen blicken. Nach Engelberg, um genau zu sein. Denn dort lebt Weibel.

Schweizer Präzision auf der Piste

Das Skigebiet Engelberg – Titlis in der Zentralschweiz ist Weibels Büro, sein Spielplatz. Seine Heimatberge inspirieren ihn. „Die meisten Ideen kommen mir, wenn ich auf der Piste bin.“ Wenn Weibel von „Ideen“ spricht, dann meint er Kunststücke, von denen Laien und selbst fortgeschrittene Skifahrer nur träumen können. Während er auf einer flachen Piste gleitet, schnallt er einen seiner Skier ab, kickt ihn mit dem Fuß in die Luft, der Ski rotiert zwei Mal um seine eigene Achse, landet in Weibels offener Hand, er legt den Ski auf den Schnee, schnallt ihn wieder an und grinst in die Kamera. Schweizer Präzision. 7.760 Likes.
2019 startete Weibel auf Instagram durch. Während er auf der Plattform die klassischen Tricks bedient – idyllische Panoramaaufnahmen, Tiefschneefahrten über jungfräuliche Hänge, schnelle Cuts und dynamische Schwünge – targetiert er mit seinem YouTube-Format Quick Tips Menschen, die ihr Skifahren verbessern wollen. In zwei- bis drei-minütigen Tutorials gibt Weibel dort Tipps für fortgeschrittene Skifahrer. Virtueller Privatunterricht vom Carving-Gott also.

Das hohe Niveau, auf dem er Ski fährt, reifte schon im jungen Alter. In eine Skilehrer-Familie geboren, stand er im Alter von 1,5 Jahren das erste Mal auf den Brettern. Seine Kindheit und Jugend drehten sich um den Rennsport. Später arbeitete er sich über diverse Skilehrerausbildungen zur skitechnischen Perfektion.

„Als ich wusste, ich werde es nicht in den Weltcup schaffen, hab‘ ich mich richtig ins Zeug gelegt. Mein neues Ziel war es, einer der besten Skilehrer der Schweiz zu werden und mittlerweile hab‘ ich das auch ein Bisschen erreicht“.

Ein Bisschen. Weibel ist bescheiden. Keine Spur von Blasiertheit. Selbst die Chance, durch seine Reichweite viel Geld zu verdienen, schlug er bisher aus. Trotz der vielen Angebote, die auf ihn einprasseln, bleibt Weibels Fokus auf dem Wesentlichen: „In erster Linie fahre ich Ski, weil es meine Passion ist. Ich mache all das nicht wegen des Geldes. Wenn ich am Ende des Tages 1000 Franken weniger bekomme, dann ist mir das mir egal“. Weibel zieht seine Freiheit dem Geld vor. „Ich möchte nicht an einen Deal gebunden sein, in dem man mir vorschreibt, wie viele Posts ich pro Woche veröffentlichen muss“, sagt Weibel. „Ich hab‘ zwar Materialverträge, aber ich habe noch nie Geld von irgendeiner Marke bekommen“. Und das, obwohl Ski- und Outdoor-Marken von Weibel, seiner enormen Reichweite und seinem lässigen Image stark profitieren könnten.

Branchenkollegen ziehen den Hut vor ihm

In seinen Videos rast er in der Falllinie Buckelpisten hinab, dreht Pirouetten oder zieht schnelle Schwünge vor alpinem Panorama. Schwünge, die so gar nichts mit der Schweizer Gelassenheit zu tun haben. So gar nichts mit der Tiefenentspanntheit, die Weibel abseits der Piste, im Gespräch ausstrahlt. Weibel redet langsam, bedacht. Als wäre Skifahren eine Wissenschaft und er der Professor des Fachgebiets. Und in gewisser Weise ist er das auch.

Weibel ist Aushängeschild des Schweizer Skilehrwesens. Seit Jahren ist er Mitglied des Swiss Snow Demo Teams. Nur die besten Skilehrer werden in diesen elitären Kreis berufen. Zwei Mal durfte Weibel sein Heimatland beim Interski Kongress, dem weltweit größten Kongress zum Austausch über Themen der Skilehrmethodik und Skitechnik, vertreten. 2015 in Argentinien und 2019 in Bulgarien demonstrierte Weibel internationalen Branchenkollegen die Schweizer Skiphilosophie. Auch unter Social Media-Kollegen genießt er Koryphäen-Status. Julian Witting, reichweitenstärkster Ski-YouTuber Deutschlands, bezeichnet Weibel in einem Video gar als „einen der besten Skifahrer der Welt“. „Wenn man sieht, wie Kili seine Kurve in den Schnee zieht, sieht man, dass da ein Meister am Werk ist. Kilis Skitechnik ist für mich ein Augenschmaus“, schwärmt Witting.
Konfrontiert mit verbalen Ritterschlägen wie diesen, huscht ein spitzbübisches Lächeln über Weibels untere Gesichtshälfte, die durch das tägliche Tragen der Skibrille um einige Nuancen gebräunter ist als die obere. „Es gibt sicher Bessere als mich, aber es ehrt mich, wenn ich Leute inspirieren kann“. Komplimente sind ihm sichtlich unangenehm. Besser, er sieht sich nicht im Kommentar-Bereich seiner Instagram-Posts um. Dort wimmelt es nur so vor Liebeserklärungen an seine Skitechnik, an das weiße Ballett, das er über die Piste zaubert.