Der magische Schneefall

POV: Winterspaziergang. Minusgrade. Weiß so weit das Auge reicht. Weiche, daumengroße Schneeflocken segeln zu Boden oder schmelzen auf deinen von der Kälte rot gefärbten Wangen. Nur deine eigenen Schritte knirschen im Schnee und brechen die geisterhafte Stille. Selbst prägnante Töne wie das Hupen von Autos oder das Lachen kleiner Kinder im Ort verlieren an Kraft, wirken gedämpft. Du hörst nur dich und die Natur. Doch bildest du dir diese Stille nur ein, weil sie deiner Auffassung nach zum Gesamtbild eines magischen Winterabends passt? Ist die Ruhe des Schneefalls lediglich eine Metapher, der sich Dichter bedienen, um Winterlandschaften mit Worten zu malen?

Was hat es mit dem Schneefall auf sich?

Die ernüchternde Antwort gibt die Wissenschaft: Forscher der Akustik haben das Rätsel gelöst und herausgefunden, was es mit der angenehmen Ruhe an winterlichen Abenden, auf sich hat.

Schneeflocken, die nichts anderes als Ansammlungen fein verzweigter Eiskristalle sind und sich auf der Erde aufeinanderstapeln, fungieren nämlich als “Schallschlucker”, wie es in einem Bericht von “Science Daily” heißt. Zu Beginn eines dichten Schneefalls, stapeln sich die Flocken locker aufeinander – zwischen ihnen bilden sich unzählige Hohlräume. Schallwellen, die in die Schneedecke oder in noch zu Boden fallende Flocken eindringen, lösen ein Mitschwingen der feinen Spitzen der Schneekristalle aus. Dadurch verformen sich diese oder aber sie zerbrechen. Die Energie der Schallwellen wird somit physikalisch in Wärme umgewandelt, die Schallwellen werden absorbiert. 

Noch dazu ist das “Fallen” von Schnee an sich, ein nahezu lautloser Vorgang. Treffen Schneeflocken auf weichen oder harten Untergrund, so ist dies im Gegensatz zu Regentropfen, die auf die Erde fallen, für den Menschen kaum hörbar.

Doch die Stille hält nicht lange an. Mit der Zeit verändert sich die Schneedecke: Die feinen Strukturen der Eiskristalle schmelzen oder sublimieren – sie wandeln sich in Wasserdampf um. Die Spitzen der Schneekristalle brechen ab und nehmen so eine rundere und ebenmäßige Form an, die es ihnen erlaubt, sich zu verdichten und die Hohlräume zu füllen. Mit fehlendem Raum zwischen den Flocken verliert die Schneedecke ihre ursprüngliche “Schwingfähigkeit”, was zur Folge hat, dass die Geräusche wieder lauter werden, das Lachen der Kinder beim Schlittenfahren weiter reicht und die Stimmen hektischer Menschenmassen sich allmählich über der einst so friedlichen Stille der Natur erheben. 

Die Ruhe und Magie von Winternächten ist also keinesfalls eine schöne Einbildung. Wenn du das nächste Mal bei dichtem Schneefall durch den Tiefschnee stapfst und außer dem Knirschen des Schnees unter dir nichts anderes hörst, so ist das simplen physikalischen Regeln verschuldet. Physikalische Regeln, die dem Winter ihre Magie geben oder wie es der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane in seinem Gedicht “Alles still!” viel poetischer beschreibt: 

“Alles still! Es tanzt der Reigen

Mondenstrahl in Wald und Flur, 

Und darüber thront das Schweigen 

Und der Winterhimmel nur:

Alles still! Vergeblich lauschet

Man der Krähe heisrem Schrei.

Keiner Fichte Wipfel rauschet, 

Und kein Bächlein summt vorbei.


Alles still! Die Dorfeshütten

Sind wie Gräber anzusehen, 

Die, von Schnee bedeckt, inmitten 

Eines weiten Friedhofs stehn. 

Alles still! Nichts hör ich klopfen

Als mein Herze durch die Nacht - 

Heiße Tränen Niedertropfen

Auf die kalte Winterpracht.”