Genau deshalb stelle ich euch heute Walden oder Leben in den Wäldern von Henry David Thoreau vor. Das Buch wird als Klassiker der Alternativen, als Bibel der Aussteiger und Hippies bezeichnet. Aus gutem Grund. Immerhin schreibt der US-amerikanische Autor Henry David Thoreau in Walden von dem Selbstexperiment, völlig isoliert, von der Gesellschaft abgekapselt und im Einklang mit der Natur in einer selbstgebauten Blockhütte im Wald zu leben – so autark und bedürfnislos wie möglich. “Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde”, so lautet einer der vielzitierten Sätze des 500-seitigen Buches. Thoreau wollte minimalistisch leben, den Einflüssen der Menschheit fernbleiben, dem Materialismus der Gesellschaft ausweichen. Er war Konsumkritiker, Fortschritts-Skeptiker und Naturfreund. Damit widmete er sich Themen, die heute wieder hochaktuell sind.  

Der Harvard-Absolvent lebte etwas mehr als zwei Jahre, vom 4. Juli 1845 bis zum 6. September 1847, in seiner Waldhütte. Er freundete sich mit Eichhörnchen, Rebhühnern und Hasen an, sprach mit Bäumen, spazierte stundenlang durch die Natur. Er wanderte nackt in Flüssen, beobachtete die Wirkung des Blitzes und brachte die Naturbeobachtungen zu Blatt. Deshalb liest sich das auch Buch wie eine Zusammenfassung und Ausformulierung von Tagebucheinträgen. Nichtsdestotrotz erreichen einzelne Abschnitte die Qualität von Prosagedichten.  

Walden lässt den Leser tief in seine Gedankenwelt blicken, er philosophiert und scheut nicht vor thematischen Abstechern in die Welt der Ökonomie, Literatur oder Psychologie zurück. Seine Thesen hüllt er dabei in eine eindrucksvolle und versierte Sprache. Kein Wunder also, dass er zu einem der Nationaldichter Amerikas erkoren wurde. Eine Ehre, die neben ihm nur Literatur-Größen wie Walt Whitman, Emily Dickinson oder Robert Frost zuteil wurde.  


Warum ihr Walden oder Leben in den Wäldern lesen solltet

Die Themen, die Thoreau in seinem Buch behandelt, sind so brandaktuell, dass sie uns allen etwas lehren können. Abgesehen davon, dass viele von uns Corona-bedingt selbst gerade aus einer Phase der Selbstisolation kommen, sind es auch andere Aspekte des Buches, in denen wir uns wiederfinden. Zum Beispiel kritisiert Thoreau die Konsumgier der Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Heute, rund 175 Jahre später hat das Problem völlig neue Dimensionen angenommen. Das 21. Jahrhundert ist dem ständigen Profit- und Konsumwahn verfallen. Thoreaus Weisheiten sprechen Menschen unserer Zeit daher stärker an als alle Generationen zuvor, wenn er schreibt: „Die in Luxus und Wohlleben Schwelgenden sind es, welche die Mode angeben, der die Herde so willig folgt“. Thoreau predigt den Minimalismus und trifft damit den Nerv der (jetzigen) Zeit: “Der Mensch ist umso reicher, je mehr Dinge er liegen lassen kann.” Zitate wie diese machen das Buch zu einer wunderschönen, lehrreichen, tiefsinnigen Lektüre für einen Sonntagabend. Bei Regenwetter. Einer Tasse Tee in einer Hand und Walden in der anderen....

Bergluft-Buch-Tipp: Lest das Buch – wenn möglich – in seiner Originalsprache Englisch. Die hohe Sprachkunst Thoreaus hat Übersetzungen in andere Sprachen nämlich sehr erschwert. Das Original ist sprachlich gesehen – eindrucksvoller als die deutsche Version.