Zum vierten Mal diesen Sommer steh’ ich nun schon am Gipfel der Ellmauer Halt, dem höchsten Berg des Wilden Kaisers, und warte geduldig auf den Sonnenaufgang. Ein leichter Wind weht mir durch die Haare, es ist sommerlich warm und abgesehen von meinem Begleiter bin ich allein hier oben. Ich überblicke das Inntal, meine Wahlheimat Kufstein, den Zahmen Kaiser im Norden, die vergletscherten Berge der Zillertaler und der Hohen Tauern im Süden. Der “Koasa” umgibt mich mit seinen unzähligen Felszacken, steilen Wänden und exponierten Gratschneiden. Behutsam steige ich auf einen Vorsprung, vor mir bricht das Gelände hunderte Meter in die Tiefe, doch die Wildheit dieses Ortes vermischt sich mit einer friedlichen und nahezu lieblichen Stimmung, als die Sonne hinter der Karlspitze hervor blinzelt. Behutsam drücke ich den Auslöser der Kamera. Der Spiegel klappt hoch und endlich sehe ich das Bild auf dem Display, auf das ich so viele Wochen gewartet habe.


Fotoabenteuer hinter der Haustüre

Vor ein paar Jahren bin ich nach Kufstein gekommen, seitdem ist der Wilde Kaiser, bzw. der “Koasa”, wie er auch liebevoll genannt wird, immer präsent – von der Autobahn aus gesehen, bei der alltäglichen Laufrunde, bei Ausfahrten mit dem Mountainbike. Mit seinen steilen Scharten und imposanten Felswänden ist er für meine Freundin und mich zum Homespot geworden, ist Schauplatz unzähliger und vor allem unvergesslicher Bergabenteuer auf Ski, zu Fuß und kletternd gewesen und hält noch so viele Ziele parat.

Um die Ellmauer Halt, die mit 2344 m den höchsten Punkt des Wilden Kaisers darstellt, habe ich über all die Jahre einen Bogen gemacht – zu viele Menschen und eine Vielzahl an Alternativen. Als ich für die Bergluft Sommer Story nach einer Location gesucht habe, um die Gestalt und die Formen des “Koasa” zu fotografieren, bin ich dann wieder auf die Ellmauer Halt gestoßen. Am frühen Abend oder mitten in der Nacht bin ich dann losgezogen - mit meinem Freund und Kollegen Yannik, mit meiner Freundin Kathi oder mit Freund und Filmer Fabi. Jede Kurve, jeder Stein, jede Trittstufe fühlte sich von Mal zu Mal vertrauter an. Jeder Ausflug zum Gipfel der Ellmauer Halt war wunderschön, bot spannende Motive und machte mich glücklich. Das eine Bild, das ich mir vorher ausgemalt hatte, entstand jedoch nie – mal war es komplett zugezogen und Wolken verdeckten die Sicht, mal war es diesig, das Licht flach oder hohe Wolkenfelder ließen den Sonnenaufgang quasi nicht stattfinden. Trotzdem entstand bei jedem Ausflug ein tolles Bild, das mich zufrieden stellte – sie waren eben nur: anders als geplant.

Aller Guten Dinge sind...

Am 10. Juli gehen wir wieder mitten in der Nacht los, die Gäste der Wochenbrunner Alm schlafen noch tief und fest, im Tal höre ich noch keine Autos, es ist still. Nur das Kratzen meiner Stöcke auf dem Kalkgestein durchdringt die Nacht. Ich mag die nächtliche Ruhe, das spezielle Flair – meine Sicht ist auf den Lichtkegel meiner Stirnlampe beschränkt, aber jedes Geräusch, jeden Geruch nehme ich viel stärker wahr als am Tag.

Als ich über die Eisenstifte unterhalb der Babenstuber Hütte steige, bricht langsam der Tag an. Die Umrisse der umliegenden Berge werden deutlicher und immer mehr Details der Landschaft sichtbar. Unter den monotonen Schritt mischt sich ein Gefühl der Neugierde und Vorfreude – werde ich heute Glück haben? Werde ich heute das Bild machen können, das ich mir erwartet habe? Ich habe ein gutes Gefühl, bin zuversichtlich und in schnellen Schritten lege ich die letzten Meter zum Gipfel zurück.

Der Felsvorsprung ist mir vertraut. Die letzten Wochen bin ich hier oft gestanden. Habe zugesehen, wie sich der Himmel lila verfärbt und schließlich das warme Morgenlicht der aufgehenden Sonne den Kopftörlgrat und den Ostkaiser in ein warmes Licht taucht oder wie spät am Abend die letzten Lichtstrahlen die Felstürme zum Glühen bringen. An diesem Tag habe ich Glück – das Licht ist schön, keine Wolke verdeckt die Sonne, die Schatten bieten tolle Kontraste zu den warmen Felsen und als ich den Auslöser drücke ist mir bereits klar, dass das das eine Bild ist. Das Bild, auf das ich wochenlang gewartet habe.

Die Freiheit wieder zurückkehren zu können

Genau dieses Gefühl, der Moment wenn alles zusammenkommt, ist die treibende Kraft meiner Arbeit. Jede Erfahrung am Berg ist anders, kein Sonnenaufgang gleicht dem anderen, jedes Bild ist einzigartig. Als professioneller Bergsport- und Outdoor-Fotograf ist es meine Aufgabe den passenden Moment abzuwarten, auch bei nicht idealen Verhältnissen für meine Kunden das Maximum herauszuholen und Sportler und Athleten in Szene zu setzen oder das Geschehen auf großen Touren zu dokumentieren. Verlassen kann man sich auf die natürlichen Gegebenheiten dabei nicht, ein gutes Maß Spontanität und Flexibilität ist notwendig.

Sich wieder einmal ohne Model, ohne Athlet und ohne Aufheller der Landschaft, dem Licht und dem Wetter hinzugeben war eine inspirierende Erfahrung. Geduldig warten, wiederkommen und es erneut versuchen zu dürfen ist ein Privileg. “Fotografie ist Malen mit Licht” heißt es doch so schön – Landschaftsfotografie in den Bergen ist wohl eher “geduldig Warten auf Wetter und Licht”.


Die ganze Bildstrecke aus dem Wilden Kaiser