Bergluft: Hey Julian, wann hat deine Rennsaison vergangenen Winter geendet?

Julian: Mitte März schon. Eigentlich wären noch das Europacup-Finale in Saalbach, die Österreichischen Meisterschaften und noch ein paar FIS-Rennen angestanden.  

Bergluft: Wie lief deine Saison bis dahin?  

Julian: Nicht so gut. Es hat zwar recht gut angefangen, aber zum Ende hin hab’ ich dann etwas nachgelassen. Ein Ausreißer ist mir aber gelungen, da bin ich beim Europacup in Italien Vierter geworden.  

Bergluft: Hast du das Skifahren in der Zwischenzeit vermisst? Immerhin war es eine kurze Saison.  

Julian: Ja, es war schon schade, dass die Saison so abrupt geendet hat. Das Europacup-Finale wäre nämlich in Saalbach gewesen. Dort haben wir im Winter oft trainiert. Das bedeutet, wir wären für die Rennen sehr gut vorbereitet gewesen. Dass die Saison ein so frühes Ende nahm, war also nicht nur für mich, sondern für das ganze Team enttäuschend.  

Bergluft: Nachdem die Rennen vorüber waren, wurden ja die Ausgangsbeschränkungen verhängt. Das bedeutet, du konntest weder ins Fitnessstudio gehen noch im Olympiazentrum in Rif bei Salzburg trainieren. Erzähl uns, wie du in der Zeit fit geblieben bist.  

Julian: Am Anfang, die ersten vier bis sechs Wochen, habe ich hauptsächlich Grundlagen-Ausdauer trainiert. Ich habe ein Ergometer zuhause, bin also viel geradelt oder war laufen. Den Ergo habe ich mir auf den Balkon gestellt, um in der frischen Luft und Sonne radeln zu können. Auch das Krafttraining hat am Anfang gut geklappt. Ich habe einfach viel mit meinem eigenen Körpergewicht gemacht, habe meinen Rumpf trainiert, bin Seil gesprungen. 

Training in Quarantäne: Julian Schütter auf seinem Ergo. © privat

Aber ich musste mein Training durch Corona etwas umstellen, musste improvisieren und kreativ werden. Zum Beispiel habe ich meine Freundin Sarah Huckepack genommen und mit ihr am Rücken Kniebeugen gemacht. Als Ersatz für die Klimmzugstange habe ich den Slingtrainer im Stiegenhaus aufgehängt und anstatt der Übung Schulterdrücken bin ich in den Handstand gegangen und habe meine Schulter so trainiert. Gott sei Dank hab’ ich verständnisvolle Nachbarn, denen es nichts ausmacht, dass ich ab und zu im Hausflur liege und meine Rumpf-Übungen mache (lacht). Viele der Übungen hat mir mein Trainer vorgeschlagen, der mir Alternativen und kreative Möglichkeiten gezeigt hat.   

Julian Schütter und Snowboarderin Sarah Bacher - Training in Quarantäne. © privat

Bergluft: Ist deine Freundin immer nur dann beim Training dabei, wenn du sie als Gewicht für deine Kniebeugen brauchst, oder trainiert sie selbst auch mit?  

Julian: (lacht) Sie trainiert meistens mit. Sarah ist nämlich Snowboarderin, sie fährt Freeride Contests und trainiert deshalb selbst viel. Sie hat zwar ihren eigenen Trainingsplan, aber wir trainieren oft gemeinsam. Das erleichtert mir das Ganze natürlich, weil wir uns gegenseitig motivieren. Dass meine Freundin mit mir trainiert hat und ich das alles nicht alleine machen musste, hat die Zeit der Ausgangsbeschränkungen wirklich erleichtert.  

Bergluft: Wie sieht ein normaler Tagesablauf für euch aus? 

Julian: Wir stehen gegen 7 Uhr auf, frühstücken, dann folgt die erste Trainingseinheit. Ich bin momentan in einem Kraftausdauer-Block – da dauern die Vormittags-Einheiten meistens rund drei Stunden. Dann kochen meine Freundin und ich uns etwas. Wir sind beide Vegetarier, das heißt Fleisch kommt bei uns nicht auf den Tisch. Nach dem Mittagessen folgt die Mittagspause, in der wir unserem Körper rund eine Stunde Ruhe gönnen. Am Nachmittag folgt dann meistens noch die zweite Trainingseinheit. Wenn wir nicht kochen oder trainieren, dann vertreibe ich mir die Zeit mit Lesen. Außerdem habe ich an meinen Ukulele-Skills gearbeitet und meine Freundin hat sich einen Nintendo gekauft, mit dem sie sich beschäftigt hat. 

Bergluft: Vegetarier im professionellen Skisport – das gibt es immer noch eher selten. Bist du der einzige im Kader, der Vegetarier ist, oder gibt es auch andere?  

Julian: Ja, ich bin seit August vergangenen Sommers Vegetarier und ich glaub’, ich bin der einzige im Kader. Es ist auch unter Skifahrern noch nicht so weit verbreitet. Aber ich fühl’ mich wohl damit. 

 Bergluft: Lässt sich das gut mit deinen Kursen vereinbaren? 

Julian: Ja. Dadurch, dass wir mit dem ÖSV immer in guten und schönen Hotels schlafen, ist das kein Problem. Ich spreche mich dann am Anfang immer mit der Rezeption oder dem Koch ab.  

Bergluft: Du bist aktuell wieder auf Schnee am Kaunertaler Gletscher. Das können sich die meisten Menschen wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Erklär uns einmal, wie das Training aktuell abläuft.  

Julian: Das Ganze funktioniert natürlich nur unter Einhaltung strenger Sicherheitsmaßnahmen. Vor der Anreise mussten wir alle einen Corona-Test machen, dasselbe müssen wir dann auch noch mal machen, bevor wir abreisen. Außerdem schlafen wir Athleten in getrennten Apartments und teilen uns nicht – wie sonst üblich – das Zimmer mit einem Kollegen. Und auch auf der Piste müssen wir den Sicherheitsabstand einhalten.  

Bergluft: Wie viele Schneekurse hast du danach noch? Und werden dieses Jahr überhaupt Übersee-Kurse stattfinden? 

Julian: Nein, das wurde schon klar festgelegt. Kein ÖSV-Team fährt diesen Sommer auf Schneekurse nach Übersee – auch nicht die Weltcup-Fahrer. Das ist zurzeit einfach nicht möglich. Wir haben jetzt erst zwei Kurse am Kaunertaler Gletscher, Ende Juli ist ein Schneekurs am Mölltaler oder Hintertuxer Gletscher geplant, dann geht es in die Skihalle nach Wittenburg und anschließend nach Zermatt, in die Schweiz.  

Bergluft: Das bedeutet, der Trainingsumfang ist nicht kleiner als in den Sommern vor Corona? 

Julian: Nein, dieses Jahr sind sogar mehr Schneekurse geplant als in den vergangenen Sommern. 

Bergluft: Wie glaubst du, wird sich die Corona-Epidemie auf die Zukunft des Skisports auswirken? Marco Büchel meinte ja letztens, er glaube nicht daran, dass es eine Weltcup-Saison 2020/21 geben wird. Andere sind da positiver. Wie sind deine Einschätzungen?  

Julian: Es ist schwierig Prognosen zu machen, niemand weiß genau, wie es weitergeht. Aber ich bezweifle, dass es kommende Saison einen Nachtslalom in Schladming mit 45.000 Zuschauern geben wird.  

Bergluft: Danke für das Interview, Julian und viel Erfolg noch für die kommenden Trainings-Monate! 

 

Über Julian Schütter

Julian Schütter ist ein österreichischer Profi-Skirennläufer. Der 21-jährige Steirer wuchs im weltberühmten Wintersportort Schladming auf. Zu den größten Erfolgen des ÖSV-Athleten zählen zwei Siege bei Österreichischen Jugendmeisterschaften sowie ein Vize-Junioren-Weltmeistertitel in der Abfahrt im Winter 2018/19. Das größte Ziel des Steirers: der Sprung in den Weltcup.