Es gibt zwei Arten von Lesern. Leser, die ihre Bücher wie Schätze hüten, die den kleinsten Riss einer Seite beklagen und die niemals, wirklich niemals, auf das prophylaktische Eselsohr zurückgreifen, wenn sie kein Lesezeichen zur Hand haben. Und dann gibt es die Leser, für die ein gelesenes Buch auch gelesen aussehen muss. Die den Buchrücken vor- und zurückbiegen, Sätze unterstreichen oder kleine Notizen an den Seitenrand kritzeln. Ich zähle zu letzterer Kategorie. So kommt es, dass ich beim Durchwühlen meiner Bücher immer wieder auf Überraschungen stoße. Regelmäßig entdecke ich Kritzeleien, Gedichte, Postkarten, Zugtickets oder Telefonnummern, die ich mir auf die Schnelle notieren musste. Als ich letztens die englische Version von Jack Londons Ruf der Wildnis (Originaltitel: Call of the Wild) in die Hand nahm und durchblätterte, übermannte mich sofort ein Déjà-vu. Als ich die Notizen und die unterstrichenen Text-Passagen las, fühlte ich mich zurückversetzt in eine Spätsommernacht in Salt Lake City im Jahr 2014. Ich kam mitten in der Nacht in der Hauptstadt Utahs an. Das Zentrum der Mormonen-Metropole machte einen sehr modernen, schicken Eindruck auf mich. Die sauberen Glasfassaden der Wolkenkratzer reflektierten das Licht der vielen Laternen. Die dadurch generierte Helligkeit gab der Stadt den Anschein, als hätte gerade erst die Dämmerung eingesetzt. Genießen konnte ich die gepflegte Downtown-Gegend nicht. Viel eher erwartete mich eine der schlimmsten Nächte meiner rund eineinhalb-jährigen Solo-Weltreise. Zu dem Zeitpunkt, als ich am Bahnhof aus dem Zug stieg, der mich vom Flughafen in die Innenstadt brachte, war mein Handy-Akku leer und meine Kreditkarte verloren. Ein paar Dollar Bargeld hatte ich in der Geldtasche. Vergeblich suchte ich nach einem Restaurant, das 24 Stunden geöffnet hatte, in dem ich mein Handy aufladen und nach einer erschwinglichen Unterkunft suchen konnte.

Nach langem Umherwandern im Beton-Dschungel der Großstadt musste ich feststellen, dass der schöne erste Eindruck Salt Lake Citys täuschte: Der Kontrast zwischen Arm und Reich, modern und heruntergekommen, sauber und dreckig schien stärker als in vielen anderen US-Städten. Zudem bemerkte ich bedauernswerterweise, dass die Dichte an McDonalds-Filialen im Gegensatz zu allen anderen US-Metropolen niedrig zu sein schien. Sonst gefühlt an jeder Ecke zu finden, schienen McDonalds, Starbucks und Co. das Gastro-Angebot von Salt Lake City noch nicht zu dominieren. Es war zwei Uhr nachts als ich endlich ein noch geöffnetes Fast-Food-Restaurant entdeckte. Bis mein Handy aufgeladen war, schlürfte ich umgeben von Obdachlosen und zwielichtigen Gestalten einen Vanille-Milchshake und vertiefte mich in das Buch Ruf der Wildnis von Jack London, das mir ein Reise-Kumpane in Alaska schenkte. “Jeder Reisende muss das Buch lesen”, meinte er. Und weil man mir es nicht zwei Mal sagen musste, ich solle ein Buch lesen, vertiefte ich mich in die Geschichte.

An diese Erinnerungen dachte ich zurück, als ich mich letztens in den Seiten des Buches verlor. Und weil mich das Buch so packte, möchte ich es euch heute im Rahmen der vierten Ausgabe des Bergluft-Buchclubs vorstellen. Seit seinem Erscheinungsjahr 1904 begeistert Jack Londons Meisterwerk Erwachsene und Kinder und auch einige Verfilmungen der Geschichte packten Kino-Besucher rund um den Globus.


Der Protagonist von Der Ruf der Wildnis ist Buck – halb Bernhardiner, halb Schäferhund. Die ersten Lebensjahre verbringt der Vierbeiner behütet auf einer Farm in Kalifornien. Doch zu Beginn der Goldrausch-Zeit entführt ihn ein Mann und bringt ihn nach Alaska, wo Buck als Schlittenhund arbeiten soll und auf die Probe gestellt wird. Er wird mit Gefahren konfrontiert, mit Abenteuern, wilden Erlebnissen, er muss um sein Überleben kämpfen. Nach seiner Zeit als Schlittenhund verschlägt es ihn zu einem neuen Besitzer, der es gut mit ihm meint. Doch damit kehrt noch lange keine Ruhe in das aufregende Leben des Mischlingshundes ein. So folgt er später dem “Ruf der Wildnis” und schließt sich einem Rudel Wölfe an, wo er fortan die Rolle des Leitwolfs übernimmt.

Zugegeben: Eine Geschichte aus Sicht eines Hundes erzählt… das mag kindisch klingen. Vor allem wenn man, wie es bei mir der Fall ist, nicht gerade ein Hunde-Fan ist, scheint das Buch auf den ersten Blick nicht viel zu bieten. Deshalb sträubte ich mich erst, Der Ruf der Wildnis zu lesen. Doch schon die ersten Seiten haben mich gepackt. Gerade erst aus Alaska zurückgekehrt war ich sofort begeistert von den treffenden Schilderungen der Wildnis Alaskas:

„Dunkler Tannenwald dräute finster zu beiden Seiten des Wasserlaufs. Der Wind hatte kürzlich die weiße Schneedecke von den Bäumen gestreift, sodass sie aussahen, als drängten sie sich unheimlich finster in dem schwindenden Tageslicht aneinander. Tiefes Schweigen lag über dem Lande, das eine Wildnis war, ohne Leben, ohne Bewegung, so einsam, so kalt, dass die Stimmung darin nicht einmal traurig zu sein schien. Vielmehr lag ein Lachen darüber, ein Lachen schrecklicher als jede Traurigkeit, freudlos wie das Lächeln der Sphinx, kalt wie der Frost und grimmig wie die Notwendigkeit. Die unerbittliche, unerforschliche Weisheit des Lebens und seiner Anstrengungen. Es war die echte Wildnis, die ungezähmte, kaltherzige Wildnis des Nordens“.

Genau diese sprachliche Finesse macht Jack London zu einem der bedeutendsten Schriftsteller der Geschichte. Neben Der Ruf der Wildnis sind auch seine anderen Werke, allen voran Wolfsblut sehr empfehlenswert. Londons Bücher sind ein Lese-Muss für alle Abenteurer, Reisende, Hundefreunde und Liebhaber von Literatur-Klassikern. Wie schon mein Reise-Gefährte so treffend ausdrückte: “Jeder Reisende muss das Buch lesen”.