“Geh an die frische Luft und vertritt dir die Beine”. So lautet das universelle Allheilmittel gegen Schul- und Arbeitsstress, Liebeskummer, leichte Übelkeit und die vielen anderen Wehwehchen, die uns Menschen täglich plagen. Draußen zu sein scheint in unserer Gesellschaft physisches und psychisches Heilen zu implementieren. Doch was genau steckt dahinter? Warum predigen Mütter kleiner Kinder: “Geh raus spielen”? Warum müssen wir immer raus, um glücklich zu sein? Wirkt sich Zeit in der Natur, im Freien, wirklich positiv auf unser Wohlbefinden aus oder handelt es sich dabei um eine Binsenweisheit?  

Ganz im Gegenteil. Die heilende Wirkung von Grünflächen war schon den Medizinern im alten Ägypten bekannt. Sie verschrieben ihren Patienten Gartenspaziergänge. Später, im 18. Jahrhundert erkannten Ärzte, dass Gartenarbeit gut für psychisch beeinträchtigte Menschen ist.  

Doch kurioserweise haben Vertreter der modernen Wissenschaft erst vor kurzer Zeit begonnen, detaillierte Antworten auf diese Fragen zu suchen. Lange Zeit drehte sich die Umwelt-Forschung um die Auswirkungen, die wir Menschen auf die Natur haben, nicht jedoch visa versa. Erst in der jüngsten Geschichte der Medizin, Psychologie, Soziologie und Umweltforschung wandten sich die Wissenschaftler der Frage zu, was die Natur mit uns Menschen macht. Seitdem wurden unzählige Komponenten dieses Fachgebiets beleuchtet, unzählige Studien erforschten, welche Effekte ein Waldspaziergang, das Joggen am Strand oder die kurze Runde im grünen Park mit sich bringt. Bergluft zeigt euch die wichtigsten Erkenntnisse auf dem Gebiet. Naturliebhaber aufgepasst: Hier sind wahrlich gute Gründe, um mehr Zeit im Wald, Park, auf den Bergen oder am Meer zu verbringen – und sie alle sind wissenschaftlich erwiesen.

  1. Das Wunder der Terpene

Der Geruch von feuchter Erde, Moos, nassem Holz und Harz... Befinden wir uns im Wald, umhüllt uns ein einzigartiger, würziger und frischer Duft. Die beruhigende Wirkung die dieser Geruch auf uns hat, bilden wir uns keinesfalls ein. Es liegt tatsächlich etwas in der Waldluft, das unsere Stimmung hebt, unseren Stresslevel senkt und uns sogar vor Krankheiten schützen kann. Dieses gewisse Etwas trägt den Namen Terpenen. Ihren Namen verdanken diese Stoffe dem japanischen Professor Dr. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio, dem Vater der Waldmedizin. Terpene sind Stoffe, die Pflanzen absondern, um untereinander Botschaften auszutauschen mit dem Ziel, Schädlinge, Pilze und Bakterien abzuwehren. In der Natur gibt es rund 8000 verschiedene Terpene. Beim Waldspaziergang nehmen wir sie über die Atmung oder die Haut auf. Mit beeindruckender Wirkung: Dr. Qing Li konnte nachweisen, dass die Zahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen im Blut schon nach einem Tag im Wald beachtlich ansteigen. Killerzellen sind Teil des Immunsystems und erfüllen eine wichtige Funktion im menschlichen Körper: Sie erkennen von Krankheitserregern befallene Zellen oder Krebszellen und zerstören diese.  

Wer an zwei Tagen ein paar Stunden zwischen den Bäumen verbringt, kann die Anzahl seiner Killerzellen sogar um mehr als 50 Prozent erhöhen. Der positive Effekt hielt den Forschungen des Immunologen zufolge zwischen sieben und 30 Tage lang an. Er sieht darin den Beweis dafür, dass die Kraft der Bäume auch organischen Leiden wie Krebs vorbeu­gen kann.

  1. Stressreduktion schon bei einer geringen Dosis Natur

Schon seit vielen Jahren ist bekannt, dass Zeit in der Natur Stress reduziert. Lange war jedoch unklar, wie lange und wie oft man in die Natur gehen muss, um diesen Effekt zu erzielen. Auch welche Art der Naturerfahrung uns Menschen nützt, war bislang unerforscht. Erst im Jahr 2019 brachte eine Studie der US-amerikanischen Universität Michigan Licht ins Dunkle. Die Ergebnisse überraschten: Schon ein 20- bis 30-minütiger Spaziergang in einer Umgebung, die einem ein Gefühl von Natur vermittelt, senkt den Cortisolspiegel deutlich. Cortisol, auch Stresshormon genannt, wird in der Nebennierenrinde erzeugt und in der Leber abgebaut. Menschen, deren Cortisol-Level dauerhaft erhöht ist, etwa weil sie chronisch gestresst sind, leiden öfter an Übergewicht, Herz-Kreislauf-Störungen und Depressionen. Den Stresshormon-Spiegel niedrig zu halten, schützt demnach vor allerlei ernster gesundheitlicher Probleme.  

  1. Allein der Blick auf Bäume hilft uns zu heilen

Bereits im Jahr 1984 machte der schwedische Forscher Roger Ulrich eine interessante Entdeckung: Im Rahmen seiner heute vielzitierten Studie, untersuchte er, wie sich allein der Anblick von Bäumen positiv auf die Genesung von Krankenhaus-Patienten auswirkt. Das Ergebnis: Patienten, die nach einer Operation aus dem Krankenhausfenster auf Grün schauten, benötigten deutlich weniger Schmerzmittel. Ihre Wunden heilten zudem schneller, sodass sie die Klinik eher wieder verlassen konnten als die Patienten, durch deren Fenster nur eine Backsteinwand zu sehen war. Schon wenige Meter machten dabei einen Unterschied. Menschen, die ein Bett am Fenster belegten, genasen schneller als jene, die wenige Meter weiter Weg an der Türseite untergebracht waren.

  1. Wer im Grünen wohnt, gewinnt

Der Umweltpsychologe Marc Berman fand im Jahr 2015 heraus, dass sich die Anzahl von Bäumen in einer Wohngegend auf die Gesundheit der Bewohner auswirkt. Wer in “grüneren”, der Natur näheren, Gebieten wohnt, leidet laut der Studie seltener an Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Die niederländische Wissenschaftlerin Agnes van den Berg von der Universität Wageningen ergänzte die Erkenntnis mit ihrem Studien-Ergebnis: Sie stellte fest, dass bei einem hohen Anteil an Grünflächen um den Wohnsitz schwerwiegende Lebensereignisse wie Schicksalsschläge weniger belastend sind. Menschen, die in persönlichen Krisen stecken und nahe an der Natur oder einer Grünfläche wohnen, sind emotional stabiler als jene, die im Beton-Dschungel leben. Offenbar reicht es manchmal auch schon aus, zu wissen, dass der nächste grüne Fleck Erde in der Nähe ist: Je kürzer die Entfernung von zu Hause zur nächsten grünen Umgebung, desto geringer ist das Stressempfingen und desto höher ist die wahrgenommene seelische Gesundheit. Auch Ängste und Depressionen treten seltener auf.  

  1. Natur stärkt Entwicklung von Kindern


Vor allem die Auswirkungen, die die Natur auf Kinder hat, sind bemerkenswert: Natur-Erlebnisse fördern die intellektuelle und soziale kindliche Entwicklung sowie die Kreativität und Problemlösungskompetenz. Laut einer Studie zeigen Kinder, die einen Wald-Kindergarten besuchen, ein höheres Level kognitiver Funktionen und eine höhere Aufmerksamkeitskapazität als Kinder, die einen Kindergarten in einer verbauten Umgebung besuchen. Die Begründung: Grünflächen mit vielen Bäumen wirken anziehend auf Kinder, sie animieren zu Bewegung, sozialer Interaktion und Spielen. So dauern Spiele in der Natur deutlich länger und sind kreativer als auf einem normalen Spielplatz. Auch Symptomen der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) kann durch Zeit in der Natur entgegengewirkt werden. Kinder mit ADHS haben ihre Symptome demnach besser unter Kontrolle, wenn sie sich häufiger in der Natur oder in naturnahen Umgebungen aufhalten.  

Um die enormen Auswirkungen noch einmal zusammenzufassen: Zeit im Wald, auf dem Berg oder am Meer macht uns glücklich, lässt uns abschalten, Stress reduzieren und schützt uns sogar vor Krankheiten. Wir genesen schneller, wenn wir von Bäumen umgeben sind, Kinder entwickeln wichtige soziale und kognitive Kompetenzen, wenn sie im Freien spielen und der Duft des Waldes bewirkt wahre Wunder im menschlichen Körper. Viele gute Gründe, um den nächsten Netflix-Marathon gegen eine Wandertour auszutauschen und den Spaziergang durch die Stadt in den Wald zu verlegen.